Land auf dem Vulkan

ALGERIEN: Ein Land auf dem Vulkan

In der französischen Wochenzeitung Informations Ouvrières bringt der Artikel von Aksil T. die Situation in Algerien auf den Punkt.

Laut der Info-Seite Algérie-part beschworen die im vergangenen März erstellten Berichte von drei Stellen (Polizei, Gendarmerie und innere Sicherheit) die „Gefahr einer abrupten Wiederaufnahme der Volksdemonstrationen, sobald die Gesundheitskrise des Covid-19 beendet ist“. Ein Risiko, das von den verschiedenen Sicherheitsdiensten als „sehr hoch“ bezeichnet wird.

Für Algérie-part ist es, diese mögliche Aussicht im Keim zu ersticken, so dass „die algerischen Behörden eine Repressionskampagne gestartet haben, die mit großem Nachdruck durchgeführt wird, um die Aktivisten und Aktivistinnen des Hirak in vollem Gesundheitszustand mundtot zu machen“, um „ihren Einfluss auf die Protestwelle des Volkes zu verringern, die in den Tagen nach dem Ende der Gefangenschaft beginnen wird.

Zwar kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemand die Existenz solcher „alarmierenden“ Berichte bestätigen oder leugnen, aber die sozialen Spannungen sind im ganzen Land spürbar. Die Arbeiter und die zunehmend prekarisierte Arbeiterklasse und Jugend haben nicht bis zum Ende des Isolationszustands gewartet, um ihre Bestürzung und Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen. In der Tat hinderte die Verhaftungswelle im ganzen Land gegen politische Aktivisten und Aktivistinnen auf nationaler Ebene  als auch die Angst und Furcht vor der Ausbreitung des Coronavirus die Algerier nicht daran, mit verschiedenen Formen der Mobilisierung zu reagieren.

Schon vor der Gesundheitskrise war die soziale Lage aufgrund der harten Sparpolitik der letzten Bouteflika-Regierungen unhaltbar. Der Dinar hat 60 % seines Werts verloren. Das Einfrieren von Projekten und Gehältern, die Nichtanpassung der Renten … ließ die Arbeitslosigkeit explodieren, brachte die Volkswirtschaft in Schwierigkeiten und verursachte den Bankrott tausender Zulieferbetriebe mit Arbeitsplatzverlusten in Millionenhöhe.

Der dreimonatige Isolationzustand wegen Covid-19, der aufgrund des eklatanten Mangels an Schutzmitteln beschlossen wurde, verschlechterte die Lebensbedingungen der Mehrheit des Volkes erheblich. Die Einstellung der wirtschaftlichen Tätigkeit (Industrie und Dienstleistungen…) hat Millionen von Familien durch den Verlust ihres Einkommens in extreme Prekarität gestürzt. Resaurants, Fahrer, Friseure, Straßenverkäufer, Taxifahrer, informelle Arbeiter, Selbständige, Zeitarbeiter, Angestellte des privaten Sektors usw. befinden sich plötzlich in völliger Armut. Tausende von Reisebüros haben geschlossen, und sicherlich sind Tausende von Arbeitnehmern praktisch arbeitslos, ohne jede Form von Entschädigung (eine Regel im privaten Sektor). Im Stahlwerk Omplex von El Hadjar (Annaba) wurden die 4.500 Beschäftigten im April nicht bezahlt, was einen Sturm der Wut auslöste, der den Generaldirektor hinwegfegte und eine überraschende Verschuldung von 1.400 Milliarden Centimes hinterließ.

Der multinationale Konzern Shlumberger zögerte nicht, 50% seiner Belegschaft rauszuschmeißen, was eine Mobilisierung der Beschäftigten und ihrer Gewerkschaftssektion UGTA provozierte. Bei Air Algerie will die Geschäftsführung der nationalen Fluggesellschaft, die von der Regierung unter Druck gesetzt wurde, eine Halbierung der Löhne durchsetzen, was eine heftige Reaktion der Arbeitergewerkschaften auslöste.

Die magere Summe von 10.000 algerischen Dinar, die der Staat zwei Millionen Familien gewährt, die ihren Arbeitsplatz und/oder ihre Tätigkeit verloren haben, ist nicht nur wenig nützlich, sondern hat wegen der subjektiven Kriterien, die für die Erstellung der Listen der Begünstigten festgelegt wurden (z.B. werden alleinstehende Personen automatisch ausgeschlossen), überall Ärger hervorgerufen.

Zusätzlich zu den Demonstrationen der Wut gegen die willkürliche Unterdrückung von Hirak-Aktivisten in den vier Ecken des Landes haben mehrere Arbeiterkollektive mit oder ohne Gewerkschaften Streiks, Sitzstreiks, Kundgebungen und Besetzungen öffentlicher Straßen organisiert, um gegen das Elend zu protestieren, in das sie durch die Politik der Regierung gedrängt werden. Wegen Nichtzahlung des Aprilsalärs gingen die 600 Arbeiter des Textilkomplexes Draa Benkhedda (öffentlich) auf die Straße und blockierten zwei Stunden die Autobahn Tizi-Ouzou-Alger. „Die Arbeiter, die im Durchschnitt einen miserablen Lohn (25.000 DA) erhalten, haben in diesem Ramadan-Monat  nichts in die Töpfe zu werfen“, sagte ein Gewerkschafter, der die Verschärfung der Aktionen bis zur Auszahlung der Löhne ankündigte.

In Relizane und in anderen algerischen Kommunen sind Tausende von Menschen in die Büros des Rathauses geeilt, um die bescheidene Summe der Solidarität zu erhalten und gegen ihren Ausschluss von der Liste der „Mittellosen“ zu protestieren.

In Oran protestierten die Steuereintreiber und die Arbeiter der ehemaligen Alver gegen die Einstellung ihrer Tätigkeit ohne jegliche Unterstützung bzw. gegen den angeblichen Konkurs des Unternehmens, das 2018 aus den Händen des multinationalen Konzerns Saint-Gobin an Condor überging.

Schwankende Obst- und Gemüsepreise, Kaufkraftentzug, Knappheit und die Angst vor einer ungewissen Zukunft schüren und verschärfen den Zorn, der im ganzen Land herrscht. Die Verschlechterung der Lebensbedingungen für die Mehrheit, der Überfluss, den eine parasitäre Minderheit am helllichten Tag an den Tag legt, und die Provokationen von allen Seiten haben den revolutionären Einbruch der Massen provoziert, die über Monate millionenfach den Ausstieg aus dem System fordern.

Alle ehrlichen Beobachter bekräftigen: Die Gründe, die Millionen von Algeriern dazu getrieben haben, die revolutionäre Bewegung vom 22. Februar 2019 zu beginnen, sind nicht nur immer noch vorhanden, sondern haben sich noch verschlimmert.

In ihre endgültigen Schranken gedrängt, hat die überwiegende Mehrheit des Volkes keine andere Wahl, als Widerstand zu leisten und den Gegenangriff vorzubereiten. Die Algerier wollen nicht an Coronavirus oder Hungersnot sterben. Sie wollen in Würde leben und alle ihre politischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Rechte genießen.

Aksil T. (INFORMATIONS OUVRIÈRES N0 604 – Woche 14. – 20. Mai 2020)

Übersetzung: Siegbert Schwab

 

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