Impfstoffe – die Interessen der Aktionäre stehen vor der Gesundheit der Weltbevölkerung

Interview mit German Velasquez, ehemaliger Direktor des des medzinischen Programms der WHO

Germán Velásquez (Kolumbien, 1948) arbeitete mehr als 20 Jahre bei der Weltgesundheitsorganisation, er war der Direktor des medizinischen Programms. Sein Eintreten für das Recht der armen Länder auf Zugang zu allen Medikamenten brachte ihn in Konfrontation mit der Pharmaindustrie, in einem ungleichen Kampf, der ihn sogar dazu zwang, mit einer UN-Eskorte um die Welt zu reisen.

(Eigene Übersetzung des Interviews in ara.cat vom 1.1,2021 – S. Schwab)

Germán Velásquez (Kolumbien, 1948) arbeitete mehr als 20 Jahre bei der Weltgesundheitsorganisation, er war der Direktor des medizinischen Programms. Sein Eintreten für das Recht der armen Länder auf Zugang zu allen Medikamenten brachte ihn in Konfrontation mit der Pharmaindustrie, in einem ungleichen Kampf, der ihn sogar dazu zwang, mit einer UN-Eskorte um die Welt zu reisen. Er wurde an mehreren Universitäten zum Doktor honoris causa promoviert und ist heute Sonderberater des South Centre einer in Genf ansässigen Organisation aus 54 Ländern des globalen Südens. Er beantwortet die Fragen von ARA wenige Tage vor dem Treffen der Welthandelsorganisation (WTO) im Januar, bei dem es um den Vorschlag geht, Patente auf Covid-19-Impfstoffe, Behandlungen und Tests für die Dauer der Pandemie auszusetzen.

Was würde passieren, wenn die lizenzierten und in der Entwicklung befindlichen Covid-19-Impfstoffe patentfrei wären?

Der Zugang zu diesen Medikamenten würde sich für Entwicklungsländer, die drei Viertel der Weltbevölkerung ausmachen, erheblich verbessern. Und vielleicht wäre die Forschung auch schneller, weil die Ergebnisse gemeinsam genutzt würden, anstatt astronomische Summen öffentlicher Gelder in die Anfangsphasen der verschiedenen Projekte zu investieren.

Sind Patente also ein Hindernis für den Zugang zu Medikamenten?

Ja. Und es ist kein neues Problem. In den frühen 2000er Jahren kostete eine antiretrovirale Behandlung gegen HIV in Südafrika 12.000 Dollar und war für die meisten Menschen unerreichbar. Seit die Patente aufgehoben wurden, kosten sie weniger als 100 Dollar und sind für jeden, der sie braucht, zugänglich geworden. Es gibt noch viele weitere Beispiele: Vor fünf Jahren entwickelte das amerikanische Pharmaunternehmen Gilead Sovaldi, ein Medikament, das Hepatitis C heilt: Der anfängliche Preis lag bei 84.000 Dollar für eine dreimonatige Behandlung, während wir heute wissen, dass die Kosten bei unter 100 Dollar liegen. Heute hat in Ägypten, dem Land mit der höchsten Inzidenz dieser Krankheit, jeder Zugang zu diesem Medikament, weil die Behörden beschlossen, das Patent abzulehnen, und eine lokale Industrie es herstellen konnte. Im Jahr 2015 brachte das Pharmaunternehmen Vertex ein Medikament gegen Mukoviszidose bei Kindern auf den Markt, das 133.000 Dollar kostet. Kymriah, ein Novartis-Medikament gegen Leukämie, kostet etwa 320.000 Euro pro Behandlung und dasselbe Schweizer Labor hat das wohl teuerste Medikament der Geschichte entwickelt, eine Behandlung gegen Muskelschwund bei Babys, die 2,1 Millionen Dollar kostet. Und das alles geschieht, weil es sich um patentierte Medikamente handelt.

Wie werden die Medikamente bepreist?

Vor hundert Jahren, als sich die pharmazeutische Industrie zu entwickeln begann, wurde der Preis im Verhältnis zum Selbstkostenpreis festgelegt, der die Investitionen in Forschung, Rohstoffe und Arbeit beinhaltet. Vor zwanzig Jahren wurden Patente eingeführt und dies änderte sich. Vor vier Jahren gab es jedoch einen besonders gravierenden Paradigmenwechsel: Jetzt argumentiert die Industrie, dass sich der Preis nicht an den Kosten, sondern am Wert des Medikaments orientieren sollte. Und dieser ist so subjektiv wie der Wert eines Lebens. Die WHO und die Regierungen akzeptieren dies, während es keiner anderen Industrie erlaubt ist, dies zu tun. Letztendlich legen sie die Preise danach fest, was jedes Land zu zahlen bereit ist.

Die Pharmafirmen argumentieren, dass es ohne Patente keine Innovation gäbe: Sie müssen eine Rendite für die Investitionen erhalten, die sie in die Forschung gesteckt haben.

Noch nie in der Geschichte der Medizin gab es eine so massive Injektion von öffentlichen Geldern wie jetzt, um Behandlungen und Impfstoffe für Covid-19 zu entwickeln. Und dank dessen konnten sie die Fristen verkürzen: Normalerweise dauert es zehn Jahre, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht, und jetzt hat man es in zehn Monaten geschafft. Das ist sehr gut, aber es gibt auch kritische Elemente: Es gibt keine Rückverfolgbarkeit dieser öffentlichen Investition. Es gibt das Patentsystem, damit privates Geld leichter in die Forschung investiert werden kann. Aber wir zahlen zweimal für die Impfstoffe: Milliarden von öffentlichen Geldern wurden in ihre Entwicklung gesteckt, und jetzt müssen die Bürger für sie bezahlen, indem die Regierungen sie von den Pharmakonzernen kaufen, denen ein Patent zugestanden wird, damit sie eine Investition zurückholen können, die sie nie getätigt haben. Es muss geprüft werden, inwieweit es für ein Unternehmen legitim ist, ein Produkt zu patentieren, für das es nicht der Hauptfinanzierer war. Und jetzt ist es an der Zeit, dies zu tun.

Dient das Patent auch dazu, die Qualität der Medikamente zu sichern? Wir haben gesehen, was mit Tests und Masken in der ersten Welle der Pandemie passiert ist: Sie waren von schlechter Qualität und ganze Chargen mussten zurückgerufen werden.

Das Patent hat nichts mit der Qualität zu tun. Es gibt Tausende von Medikamenten auf dem Markt, die generisch sind und nicht unter Patentschutz stehen. Und sie müssen die gleichen Qualitätskontrollen durchlaufen, die die Zulassungsbehörden durchführen.

Reiche Länder monopolisieren die Produktion von Impfstoffen, sowohl von bestehenden als auch von zukünftigen. Welche Auswirkungen hat das auf den globalen Zugang?

Dass drei Viertel der Weltbevölkerung Monate und wahrscheinlich Jahre brauchen werden, um Zugang zu dem Impfstoff zu erhalten. Ganz einfach, weil die reichen Länder das Gegenteil von dem getan haben, was sie der WHO versprochen haben: das Covax-Projekt, das sicherstellen sollte, dass alle Länder anfangs über Impfstoffe verfügen, die mindestens 20% ihrer Bevölkerung abdecken. Das Gegenteil ist der Fall. Und das ist aus ethischer Sicht eine Schande und auch aus gesundheitlicher Sicht ein Fehler, denn wir wissen, dass es wichtig ist, die gesamte Weltbevölkerung auf einmal zu impfen. Es ist auch eine Fehlkalkulation aus wirtschaftlicher Sicht, denn wenn die Entwicklungsländer nicht produzieren und konsumieren können, kann die Weltwirtschaft nicht wiederhergestellt werden.

Glauben Sie, dass Covax bedroht ist?

Die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und Japan haben bereits gegen das Abkommen verstoßen, indem sie die gesamte Weltproduktion aufgekauft haben. Covax macht keinen Sinn mehr. Es wurde von Anfang an sehr schwach geboren, weil niemand die Kraft hatte, die Staaten zu zwingen, den Plan umzusetzen.

Aber die reichen Länder sagen, dass sie die restlichen Dosen abgeben werden.

Das haben sie immer gesagt. Aber Frankreich und Spanien haben gesagt, dass sie zuerst ihre gesamte Bevölkerung impfen werden und dann in ein paar Jahren Almosen an die armen Länder geben.

Wenn sich alle einig sind, dass die Weltbevölkerung sofort geimpft werden muss, beginnend mit den am meisten gefährdeten, um die Pandemie zu bekämpfen, heißt das dann, dass sich die Situation nicht verbessern wird?

Da sich die Zeit für die Entwicklung des Impfstoffs verkürzt hat, werden vielleicht sehr bald neue Impfstoffe auf den Markt kommen, die billiger sind und zu denen auch die Länder des globalen Südens Zugang haben werden. Vorausgesetzt, die Industrieländer kaufen die neu zugelassenen Impfstoffe nicht auf, damit sie einen Sicherheitsvorrat haben.

Haben die Länder des Globalen Südens die Kapazität, massenhaft zu impfen?

Historisch gesehen wurden Impfkampagnen auch in den ärmsten Ländern mit hervorragenden Ergebnissen durchgeführt. Eine andere Sache ist, dass die Impfstoffe, die die Kühlkette benötigen, eine sehr schwierige Logistik haben, selbst für den Norden, und fast unmöglich für den Süden.

Sie waren der Autor des „roten Buches“, das vor 20 Jahren klargestellt hat, dass es im Patentsystem für Medikamente rechtliche Ausnahmen gibt.

Als die WTO gegründet wurde, wurde die Anwendung von Patenten für einen Zeitraum von 20 Jahren für pharmazeutische Produkte verallgemeinert. Aber es gibt eine Reihe von völlig legalen Rechten für Länder, Mechanismen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit, sogenannte Flexibilitäten, wie z.B. Zwangslizenzen. Alle Staaten haben das Recht, dem Inhaber das Patent aus Gründen der öffentlichen Gesundheit oder wegen wettbewerbswidriger Praktiken zu entziehen. Und anderen zu erlauben, zu produzieren, was die Kosten senkt. Der Patentinhaber erhält eine Lizenzgebühr von denen, die die generische Version herstellen. Und das Land, das die meisten Lizenzen dieser Art vergeben hat, sind die Vereinigten Staaten. Das könnte jetzt jedes Land mit Covid-19-Impfstoffen machen.

Warum wird es also nicht gemacht?

Jetzt gehen sie einen Schritt zurück und stellen diese Mechanismen in Frage. Auf der WHO-Versammlung im Oktober wurde der Zugang zu Behandlung und Impfstoffen diskutiert. Einige Regierungschefs wie Macron, Merkel oder Pedro Sanchez selbst erklärten feierlich, dass Medikamente oder Impfstoffe für eine Pandemie globale öffentliche Güter seien. Und ein öffentliches Gut kann nicht patentiert werden. Aber während sie diese schwülstigen Reden hielten, verhandelten dieselben Delegationen eine Resolution, in der von einer Rücknahme der Patente keine Rede ist. Die Bill und Melinda Gates Stiftung sagte, dass das geistige Eigentum nicht angetastet werden könne, weil die Zukunft der Innovation in Frage gestellt sei, was völlig unwahr ist. Gerade jetzt müssen wir bedenken, dass alles, was die Menschheit vor dieser Herausforderung retten kann, als öffentliches Gut betrachtet werden muss, das allgemein zugänglich ist.

Könnte jedes Land dies tun?

Ja. Die meisten Länder der Welt nehmen es heute bereits in ihre nationale Gesetzgebung auf. Nur ein Land muss es tun, und das einfachste wäre eines mit der Kapazität, Impfstoffe zu produzieren, wie Indien, Südafrika oder Brasilien. Aber ich glaube nicht, dass das passieren wird, denn in den WTO-Verhandlungen haben die Industrieländer deutlich gemacht, dass sie das nicht zulassen werden, und die USA oder die EU haben so viel Lobbymacht, dass ich nicht glaube, dass irgendein Land Erfolg haben wird. Vergessen Sie nicht, dass die USA mit einer Handelsblockade gedroht haben, als Thailand es vor zehn Jahren mit einem Krebsmedikament versucht hat. Mein Land, Kolumbien, hat zwei Jahre lang versucht, eine Zwangslizenz für ein Novartis-Medikament zu bekommen und hat schließlich auf Druck der Schweizer und der US-Regierung aufgegeben.

Der Wettlauf um Impfstoffe ist sehr politisch.

In den letzten 20-30 Jahren gab es Spannungen zwischen zwei Akteuren: dem kommerziellen und dem Gesundheitssektor. Das Dilemma war, ob der Profit der privaten Unternehmen, die immer reicher werden, wichtiger ist oder der der Bürger. Jetzt ist ein neuer Akteur hinzugekommen, nämlich die Politik. Die Regierungen betreiben einen regelrechten Impfstoff-Nationalismus, um ihren Bürgern zu zeigen, dass sie alles tun, was sie können, und deshalb horten sie Impfstoffe sogar für Wahlkampfzwecke.

Aber keine Industrie kann Impfstoffe für 8 Milliarden Menschen herstellen. Stattdessen lassen sie es andere machen.

Die weltweite Produktionskapazität für Impfstoffe beträgt 2,5 Milliarden Dosen pro Jahr. Mit der jetzigen Kapazität würde das drei oder vier Jahre dauern, und die Unternehmen ziehen es vor, die teuren Preise zu halten, auch wenn das bedeutet, dass nur reiche Länder kaufen. Das zeigt uns, dass das Hauptinteresse der globalen Pharmaindustrie nicht die öffentliche Gesundheit ist, sondern was an den Börsen in New York und London passiert und wie sie ihre Aktionäre entlohnen.

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